Klettern 2.0

Ein Blog über meine Erlebnisse beim Klettern an Fels und Plastik taugt doch jedem: Der Nachwelt (wenn ich mal runterfalle), allen Interessierten am Klettern (die sich vielleicht in dem einen oder anderen wiederfinden) und natürlich vor allem mir selbst (hilft gegen das Vergessen).


Die Erfindung des Sommers

Wenn Dinge erfunden werden, nimmt man gewöhnlich an, dass die Erfindung und ihr Charakter irgendwie länger Bestand haben müssten. So hat das Auto ja schon länger und überwiegend vier Räder, der Kaffeebecher einen Henkel (Die ohne konnten sich dank Millionenklagen in den USA wegen verbrannter Finger nicht durchsetzen.) und die Erfindung des Rasenmähers ging einher mit der natürlichen Tatsache, dass Rasen wächst. Achja, und bei der Erfindung des Sommers war der Erfinder gerade mit Petrus in der Karibik und so wurde festgelegt, dass im Sommer immer die Sonne zu scheinen hat. So oder so ähnlich muss es gewesen sein...

Dinge ändern sich und so wurde vermutlich am 12. Juli 2009 nicht öffentlich beschlossen, dass Sommer nichts mehr mit Sonne zu tun hat - besonders in Norwegen! Pessimistische Beobachter munkeln, dass die etablierte Sonne im Sommer einfach durch den Regen ersetzt wurde, aber das will ich noch nicht wahrhaben. Warten wir 2010 ab! In diesem Jahr war der Sommer in Norwegen auf jeden Fall ab dem genannten Datum aber doch eher die Neuerfindung des Sommers. Wie nennt sich eigentlich dann der Sommer, in dem es immer regnet? Regner? Die neuen vier Jahreszeiten: Frühling, Regner, Herbst und Winter. Hört sich eigentlich schon fast vertraut an.

Genug des Weinens! Wir sind nicht ertrunken und geklettert sind wir doch auch! Wenn auch nur sieben(!) von 19 Tagen. Fast 50% würde ein Optimist behaupten. Hans würde wohl auf die mathematische Unkorrektheit hinweisen. Aber nun erstmal eines nach dem anderen.

Fähre
Hirtshals - Finn und Isa


Tag 1+2 - 12/13. Juli 2009 (Kein-Kletter-Tag #1+2)

Gestartet sind wir wie immer von Hamburg über Hirtshals nach Kristiansand. In Hirtshals nichts ahnend von der Reformation des Sommers noch schnell am Strand die Erinnerungen abgespeichert, wie sich Sommer definiert: Weicher Sand, warme Sonne, kühles Wasser... Nach der entspannten Überfahrt (die musizierende Jugendgruppe am Nebentisch hab ich schon aus meinem Gedächnis und Trommelfell getilgt...) zeigte der norwegische Zöllner Mitleid (Wir auch: Es regnete aus Kübeln.) und öffnete gegen 2:30 Uhr ohne Murren das Gatter. Dabei hatten wir doch ganze 4 Dosen Bier zu viel mit, wie mir vorher beim Packen aufgefallen war. Aber zu Hause lassen? No way!

Zu früh am Morgen
Rastplatz nach Evje - Früh, Kalt, Nass!

Der Plan und Ziel hieß erstmal Valle im Setesdal. Allerdings schafften wir es nur bis kurz nach Evje. Nachdem ich im strömenden Regen einen Baum am Straßenrand für einen Elch hielt, dachte ich mir, dass eine Pause vielleicht doch angemessen sein könnte. So schlummerten wir ein paar Stündchen im Auto, bevor wir zum Endspurt nach Valle ansetzten. Kurz nach 8.00 Uhr bogen wir von der E9 ab Richtung den Hütten von Kallefoss. Das Daumendrücken wurde belohnt und die freie Wunschbehausung schnell bezogen. Achja, und das neue Tarp wurde vor der Hütte als Vorzelt(?) aufgebaut, was sich im Laufe der Tage noch echt bewähren sollte.

Hütte gesichert
Kallefoss Hytte #7 - Der Regen kann kommen!


Tag 3 - 14. Juli 2009 (Kletter-Tag #1)

Nach einer weiteren Portion Schlaf, einer Blaubeerexkursion und einem leckeren Abendessen war der erste Tag auch schon rum. Die abendliche Kühle und der fast klare Himmel versprachen einen Sonnentag. Tatsächlich, am nächsten Tag konnte geklettert werden! Naja, immerhin so drei Seillängen, bevor der regengeschulte Blick vom Stand das nahende Nass identifizierte.
Notiz: Zum Eingewöhnen nicht gleich als erstes einen 5er auf den schönen Platten klettern. Das war doch schon letztes Jahr scheisse für die Moral! ;)

Sonnenstand
Løefjell - In jeder Lage wird Sonne genutzt.

Immerhin wurden wir erst im Abstieg nass und so stolperten wir mit unseren Stadtbeinen wieder talwärts durch den norwegischen Urwald. Naja, sagten wir uns, wird sicher morgen wieder besser. Beim anschließenden Einkauf und dem Blick in den Wetterteil die Lokalpostille wurden unsere Pläne jedoch jäh gebremst. Regen, soweit die Vorhersage reicht. Das Internet ist auch nicht optimistischer. Sicher nur eine Verschwörung der zuhause gebliebenen, neidischen Meteorologen.


Tag 4 - 15. Juli 2009
(Kein-Kletter-Tag #3)

Zum Glück irren sich Wettervorhersagen ja auch mal und so regnete es am nächsten Morgen nicht. Also sollten es ein paar Seillängen auf den Platten gegenüber von Valle werden, um unserer internationalen Seilschaft noch etwas Einlauf zu gönnen. So liefen wir zum Einstieg und machten uns fertig während wir ums Überleben gegen die Mücken kämpften. Nach der ersten Länge steilwandern hatte ich genug Höhe gewonnen, um über die umstehenden Bäume zu schauen. Die anrollende Regenwalze war bereits kurz vor Valle. What the f%&$ck! Eben am Auto war doch noch alles super... Naja, abgeseilt, zurückgelaufen, eingepackt und ab nach Valle zum Frustshoppen.

Immerhin war es kein Dauerregen und etwa zwei Stunden später beschlossen wir, dass es nun wohl wieder abgetrocknet sein müsste. Also wieder zur Wand. Diesmal gleich am Auto fertiggemacht und angeseilt zu dem Mücken-Headquarter-Einstieg aufgebrochen. Ich übertreibe nicht, aber ich stand vielleicht gerade mal 5 Meter auf der Platte nach dem Einstieg, als die ersten Regentropfen an meinen Helm klopften. Zuerst vermutete ich die erweiteren Geschwarder von tieffliegenden Insekten, aber die sich schnell vermehrenden, dunklen Punkte auf dem glatten Fels sprachen eine deutliche Sprache. Fluchend und Petrus alle Mückenstiche der Welt wünschend liefen wir im Regen zurück zum Auto.

Wenn wir schon nicht die Wand vorn erklimmen können, dann doch bestimmt wandernderweise auf der anderen Seite, so beschlossen wir. Wir schlüpften in die Regenklamotten und liefen etwa eine gute Stunde hoch zum See "Fingredalstjørni" über Valle. Mal im Regen, mal in der Sonne. Eigentlich ganz schön. Leider wurde unser Versuch ein Bad zu nehmen von einem Regenschauer abgebrochen - aber wozu erwähn' ich das eigentlich noch.

Setesdal
Valle - Mit nahender Regenwalze.

Insgesamt eine wirklich schöne Wanderung, bei der ich gelernt habe, dass man von zuviel Pflaumen und Kirschen Bauchweh bekommen kann, von Unmengen an Blaubeeren jedoch nicht.


Tag 5 - 16. Juli 2009 (Kletter-Tag #2)

Alle Wettervorhersagen ignorierend machten wir uns am Donnerstag erneut auf zur Valle-Wand, opferten Petrus ein paar Mückenstiche und stiegen bei dicken Wolken, aber keinem Regen in die gewählte Route ein. Zum Starten den "Starter". 4 Seillängen, 5- die schwerste. Die ersten waren eher steilwandern mit Abrutschversicherung. Aber zum Einspielen einer Seilschaft schon ganz ok. Und die letzte Länge erinnert einen schnell wieder daran, wie steil und geschlossen 5er Platten noch gleich waren... Achja, wir sind sogar trocken(!) wieder runter gekommen, obwohl es wohl länger nach unten gebraucht hat, als nach oben!

Geht doch!
Valle Wall - Plattenschleichen.

Am Abend trudelte Holger verabredungsgemäß in Kallefoss ein und bezog Hytte #3. Der abendlichen Grillschlacht stand also nichts mehr im Wege. Sicherheitshalber erwähne ich noch schnell, dass es nicht regnete. Da war die eine verbrannte Kartoffel schon das schlimmste des Abends. So läßt's sich leben...


Tag 6 - 17. Juli 2009 (Kletter-Tag #3)

So ganz konnten sich uns die norwegischen Wettervorhersagen nicht erschließen. Der "long-term forcast" war immer total mies, die näheren 1-2 Tage jedoch meist immer etwas besser. So auch am Freitag. Auch Holger wollte gerne klettern und so beschlossen wir noch einmal zum Løefjell zu fahren, denn dort ist das Angebot an kurzen Routen am vielfältigsten.


HoPa Climbing
Løefjell - Holger in Heksedans

Ein schöner Klettertag, dem der Regen erneut fern blieb. Zumindest bis nach dem Abendessen. Beim gemütlichen Glas Wein begann es zu gießen wie aus Kübeln. Dem Tarp sei dank, störte es aber nicht weiter und bestätigte unseren Plan am folgenden Tag gen Norden aufzubrechen, da die Wettervorhersage mal wieder nichts gutes verlauten ließ.


Setesdal - Sommerurlaub in Norwegen

In der Nachbetrachtung war das eine gute Entscheidung, denn das Setesdal erlebte in den folgenden Tagen sinnflutartigen Dauerregen. Nicht, dass wir im Norden keinen Regen gehabt hätten, aber ganz so schlimm hat es uns nicht erwischt.


Tag 7 - 18. Juli 2009 (Kein-Kletter-Tag #4)

Zeitig am nächsten Morgen haben wir zusammen gepackt und unsere kleine, liebgewonnene Hytte geputzt und im Regen in Kallefoss zurückgelassen. Über Hovden, Haukiligrend und Røldal ging's im Regen an den Hardangerfjord nach Odda. Dort kurz Diesel gebunkert und weiter gen Norden. Langsam wurde das Wetter besser und die zweite Fährfahrt des Urlaubs sollte sogar in der Sonne ohne Regen stattfinden.

Fährmäuse
Hardangerfjord - Von Brimnes nach Bruravik

Weiter ging es am Nachmittag nach Norden Richtung Sognefjord. Wir fuhren über Voss nach Vikøyri am Sognefjord. Dann erneut mit der Fähre von Vangnes nach Hella und ostwärts in Richtung Sogndal und Gaupne. Unser Ziel lag in den südlichen Ausläufern des Josdalsbreen und war uns zu dem Zeitpunkt selber nicht so genau bekannt. Wir wollten möglichst nah an den Gletscher um selbigem am nächsten Tag einen Besuch abstatten zu können.

So nahmen wir die kleine Straße von Gaupne nach Norden ins Nirgendwo. Wir suchten zwei zwar auf der Karte verzeichnete, aber in unserer Realität nicht aufzufindenen Campingplätze und hielten Ausschau nach einem geeigneten Schlafplatz. Jedoch bot das enge Tal wenig an und so fuhren wir bis Gjerde nach Norden. Dieser sehr kleine Ort (dagegen ist Valle eine "Big City") lebt vom Gletschertourismus des Nigardbreen und ist Heimat von "Gjerde Camping". Einem sehr mordernen, aber idyllischem Platz direkt an einem kleinen Fluß. Die super-freundliche Dame an der Rezeption verriet uns noch ein paar Tipps für den kommenden Tag, falls wir nicht an den Gletscher wollten. Wir beschlossen bei gutem Wetter den Hausberg "Irgendwashorn" zu besteigen und bei schlechtem Wetter an den Gletscher zu laufen.


Tag 8 - 19. Juli 2009 (Kein-Kletter-Tag #5)

Wir waren dann am nächsten Tag am Gletscher zu finden...

Davor
Gjerde - Nigardsbreen

Erschreckend, wenn man sieht, wie weit der Gletscher im Laufe der letzten Jahre zurückgegangen ist. Bestimmt ist die fehlende Sonne im Sommer schuld, kombiniere ich scharfsinnig. Wir haben auf jeden Fall eine Menge Spaß gehabt die irren Eis- und Felsformationen rund um den Gletscher zu bestaunen. Warum aber Touristen in geführten Touren auf in das Eis gehauenen Treppenstufen auf dem Gletscher rumkrebsen müssen, hat sich uns nicht erschlossen. Achja, das Wetter: Wolkig und Sonnig. Hätten wir auch auf den Berg gekonnt...

Abends haben wir am Fluss gegrillt und prompt, als die letzte Grillpølser verdrückt war, begann es zu regnen. Wir verabredeten, dass wir morgen bei gutem Wetter noch bleiben würden um auf das "Horn" zu klettern und bei Regen weiter Richtung Jotunheimen zu fahren.


Tag 9 - 20. Juli 2009
(Kein-Kletter-Tag #6)

Wir fuhren weiter... Nachdem wir im strömenden Regen das Zelt abgebaut hatten - immer wieder ein Spaß sondergleichen - ging es bei gefühlter 98% Luftfeuchtigkeit im Auto zuerst zurück nach Gaupne und dann über Luster und Fortune auf das Sognefjell. Hier war dann der absolute Tiefpunkt des Urlaubes. Naja, so schlimm nun auch wieder nicht, aber das Außenthermometer im Auto zeigte 4,5°C. Brrr... Sommerurlaub! Aber eine begeisternde Landschaft. Schnee, Eis und Stein.

Wintersommer
Sognefjell

Um unsere Seelen aufzuwärmen hielten wir im Dauerregen an der Sognefjellshytta für einen Kaffee und eine Waffel. Herrlich! Weniger herrlich war die Tatsache, dass der Regen bis nach Gjendesheim im Jotunheimen Nationalpark anhielt und das anvisierte Ziel, der Besseggen, sich in den Wolken versteckte - genau wie letztes Jahr. Da auch die nächsten Tage in der Region keine Verbesserung versprachen und die Übersteigung des Besseggengrads im Regen eher unschön sein würde, fuhren wir - wiedermal - weiter. Über Gol gings nach Ål.

Nach endloser Suche nach einem trocknen Schlafplatz, fanden wir kurz vor Ål und kurz vorm bekannten Ort "Kein-Bock-mehr-zu-fahren" eine kleine, aber feine und vorallem trockne Hytte mit Heizung. Als Ersatzbefriedigung für den verpassten Besseggen peilten wir für den kommenden Tag einen Berg im Hemsedal an - egal wie das Wetter sein würde(!).


Tag 10 - 21. Juli 2009 (Kein-Kletter-Tag #7)

Gesagt, getan. Bei leichtem Regen fuhren wir zurück nach Gol und Isa erstand eine nagelneue Regenhose. Eine lohnende Anschaffung. Von Gol ging's weiter wieder etwas nach Norden Richtung Hemsedal und dann links ab in die Pampa. Nach ein paar Kilometern Schotterpiste steil bergauf stellen wir das Auto ab, legen die "Schutzkleidung" an und begannen den Aufstieg zur Hochebene über dem Hemsedal auf welcher dann der gewählte Berg thront. Der Storehødn.

Da hoch!
Hemsedal - Storehødn im Hintergrund

Es sei kurz erwähnt, dass es während der gesamten, etwa 5-stündigen Wanderung geregnet hat. Mal mehr, mal weniger, aber immer genug, um nicht zu vergessen, um welche, neue Jahreszeit es sich handelt. Erst beim Abstieg zum Auto, also auf den letzten 15 Minuten, hörte der Regen auf. Vorher jedoch galt es das Gipfelkreuz zu erreichen.

Gar nicht so einfach, wenn alles nass und rutschig ist und der Wind oben in orkanstärke den Regen waagerecht über den flachen Gipfel peitscht. Nach einer erfolgreichen Flußdurchquerung (Notiz: Isa und Flußdurchquerungen sind inkompatibel.) auf wackligen Steinen über einen Fluß, an deren Fließgeschwindigkeit und Wasserstand man deutlich das Wetter der letzten Tage ablesen konnte, war die erste "Schlüsselstelle" geschafft. Weiter ging es links um einen See und dann direkt Richtung Aufstiegsgrad. Wir rasteten vor der nun bevorstehenden Rinne, die mit kopfgroßen Steinen und mehreren, kleinen Schneefeldern zu einer lustigen Rutschpartie einlud.

Rinnengekrabbel
Hemsedal - Storehødn - Nach der Rinne

Wir beschlossen eng zusammen zu bleiben, um selbst ausgelösten Steinschlag höchstens auf die Füße zu bekommen, denn alles was in der Rinne lag, ähnelte einem sorgsam angeordnetem Puzzel, bei dem aber nicht klar, welchen Stein man bewegen muss, damit alles zusammenkracht. Der Schnee konnte umgangen werden, sodass wir uns langsam und behutsam von Stein zu Stein tasteten. Nach der Rinne wurde es einfacher, aber der Wind wurde dafür immer stärker.

Winddruck
Hemsedal - Storehødn Gipfel (1482m)

Auf dem Gipfelplateau fegte der Wind mit so einer Macht über die vegetationslose Steinwüste, dass wir uns nur auf allen Vieren dem Gipfenkreuz nähern konnten. Die Regentropfen pieksten im Gesicht und an eine gemütliche "Gipfeljause" mit Kaffee und Brot war nicht zu denken. Wir schafften es gerade noch mit vereinten Kräften das Gipfelbuch und den Fotoapparat an der windigen Flucht zu hindern, sodass wir uns nach erfolgreicher Bucheintragung wieder in den Windschatten hinter einen Felsblock flüchteten. Nichtmal 1500m der Berg, aber benimmt sich wie ein Großer...

Auf dem Abstieg entschlossen wir uns andersherum um den See zu gehen, um die Flußdurchquerung zu meiden. Leider entpuppte sich dieser Plan als Reinfall. Zwar zum Glück nicht im wörtlichen Sinne, aber beinahe. Denn auch der andere Abfluß des Sees in Richtung Wasserfall führte nicht weniger Wasser und die Überquerung war dank des immernoch extrem starken Windes und der Strömung echt "nicht ohne". Isa verweigerte die Weiterreise nachdem sie sah, wie ich beinahe baden gegangen wäre, als mich mitten im Fluss eine Windböh erfasste. Wie nun weiter mit streikender Reisebegleitung? Also Schuhe aus, Hose hoch und etwas abseits durchs flachere Wasser wieder zurück zu Isa. Gut zureden. Mut machen. Rucksack und Schuhe abgenommen und hopp hopp ins eisige Nass gedrückt. Zwei Minuten später war das andere, sichere Ufer erreicht und die kalten Füße wurden massiert. Hinterher ist alles halb so schlimm.

Der Rest des Abstiegs verlief ohne besondere Vorkommnisse, wenn man mal von den wenigen Sonnenstrahlen absieht, die tatsächlich auf den letzten Metern noch unsere Jacken und Hosen trockneten. Laut Datum der aufgenommenen Bilder waren wir um 18:30 Uhr im Auto auf dem Weg ins Tal. Der Plan war eigentlich, heute noch möglichst weit nach Westen zu fahren, um mit einem Bogen Richtung Stavanger wieder Ende der Woche ins Setesdal zu kommen.

Wir aßen während der Fahrt im Auto Abendbrot und peitschten den Audi-Gaul an Gol, Ål und Geilo vorbei über das Hardangervidda Richtung Westen. Gegen 21 Uhr erreichten wir die zahlreichen Spiraltunnel, die uns wieder runter vom Fjell auf Meeresspiegelniveau brachten. Kurze Zeit später passierten wir Eidfjord und fuhren noch weiter bis nach Kinsarvik. Es muß so kurz vor 22 Uhr gewesen sein, als wir an der Rezeption von Kinsarvik Camping die Tür aufstießen, denn ich erinnere die Dame sagen, dass sie gleich schließen. Wir stellten unser Zelt in Mitten einer noblen Hüttenburg auf, unterhielten die Anwesenden, die unser Treiben kritisch beäugten, etwas mit dem unüberhörbaren Fauchen von unserem Allesfresser-Kocher, vernichteten kurz vor Zwölf am Fjord noch eine Tafel Schokolade und fielen dann totmüde in die Schlafsäcke. What a day...!

Norge 2009
Hardangerfjord - Kinsarvik


Tag 11 - 22. Juli 2009 (Kein-Kletter-Tag #8)

Das Ziel für Tag 11 war klar. Wir hatten beschlossen nach Monate intensiven Trainings dieses Jahr die Besteigung des Preikestolen zu riskieren. Neben der erforderlichen Trittsicherheit und Schwindelfreiheit muß besonders die Resistenz auf touristische Massenveranstaltungen hart antrainiert werden. Ein Besteigungsversuch im letzten Jahr mußte noch kurz vor dem Start wegen einem Anfall von Zivilisationsflucht abgebrochen werden. Doch dieses Jahr wollte ich stark sein! Und so war das Tagesziel festgelegt: Fahr' nah an den Preikestolen und such was zum Übernachten, aber abseits der Touristenmassen, um noch eine letzte Meditation vor dem Aufstieg zu ermöglichen. Gesagt getan.

Von Kinsarvik gings über Odda, Røldal und Sauda zur Fähre von Ropeid nach Sand. Dann zur nächsten Fähre von Nesvik nach Hjelmelandsvågen. Schließlich fanden wir irgendwo vor Tau einen kleinen Campingplatz, wo wir unser Zelt aufstellten und schlugen das gutgemeinte Angebot vom Platzchef in seinem ausgebauten Geräteschuppen zu nächtigen aus. Wir zogen die frische Zeltluft dem Dieselgeruch doch vor.


Tag 12 - 23. Juli 2009 (Kein-Kletter-Tag #9)

Wegen meiner ausgeprägten Touristenparanoia hatten wir uns eigentlich vorgenommen ganz früh aufzustehen und vor den Massen den Aufstieg zum Preikestolen anzugehen. Als der Wecker klingelte trommelte allerdings der Regen derart laut auf das Zelt, dass wir beschlossen, den Tag doch etwas ruhiger anzugehen. Also erstmal in Ruhe duschen und frühstücken. Ich schätze wir waren dann so gegen 12:30 Uhr unten am Parkplatz zum Preikestolen. Da war was los. Massen an Autos. Parkplatz 80 Kronen. Schilder und Damen in weißen Sandalen und Handtäschchen. Ob wir die oben wiedersehen?

Die Aufstiegsanleitung versprach zwei Stunden je Richtung. Etwa eine Stunde später standen wir oben! Denkt man sich alle anderen Menschen weg, so ist der Ort magisch. 600m über dem Fjord. Senkrechte Wände. Irre.

Miniboot
Preikestolen - Ostkante

Angeber!
Preikestolen - Südostkante

Schön
Preikestolen - Blick Südwesten

Ameisen
Preikestolen - Der Klassiker



Preikestolen - Tiefblicke

Zusammenfassend kann man sagen: Es lohnt schon, wenn man es schafft sich all die Menschenmassen und Aliens wegzudenken und nur die Natur, den Ausblick und die Tiefe zu genießen. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, muß ich dann doch zugeben.

Nachdem Abstieg beschlossen wir genug von Menschen zu haben und wieder Richtung Setesdal zu flüchten, denn da ist es dann doch noch im Verhältnis ruhig. Also wurde wieder der Audi gesattelt und ab ging's durchs Hunnedalen Richtung Sirdal und von da aus übers Fjell am Løefjell im Regen vorbei ins Setesdal. Kurz in Kallefoss vorbeigeschaut und wie schon vermutet nur belegte Hütten vorgefunden. Also zurück nach Tveiten. Dort soll es ja auch schön sein, so hörten wir. Es muß wohl so kurz nach 20 Uhr gewesen sein, als wir Hytta #7 in Tveiten bezogen. Glück gehabt! Eine schöne Hütte mit schönem Ausblick und regensicherer Veranda. Toll!


Tag 13 - 24. Juli 2009 (KletterBoulder-Tag #4)

Am nächsten Tag wurden erstmal die verweisten, sozialen Kontakte aufgefrischt und mit den Regenhelden vom Setesdal geplaudert. Peter erzählte von Steinen unterm Hommefjell. Boulderpotential für Monate. Da gerät sogar ein Seilkletterer ins träumen. Besonders wenn es nicht regnet! Also schnell verabredet und eine Führung zwischen den Blocken genossen. Endlich wieder im Setesdal. Endlich wieder Granit. Endlich wieder richtige Verhältnisse: Die Männer schuften an den Blöcken, die Frauen knipsen und suchen Beeren. Endlich zuhause!

Hommeblokk
Setesdal - Bouldern in Hommeblokk

Hommeblokk
Setesdal - Bouldern in Hommeblokk

So bouldern wir eine Weile, bis uns die ersten Regentropfen aus den blockigen Träumen reißen. Abmarsch... aber immerhin geklettert und das Potential des frisch gerodeten Gebietes erkannt. I'll be back!

Der morgige Samstag verspricht Sonne mit Schauern, sodass wir uns mit Beata und Peter verabreden nur etwas am Løefjell zu klettern. Wir trauen dem Wetter und Beata ihrem Knie. Ob beides hält?


Tag 14 - 25. Juli 2009
(Kletter-Tag #5)

Ja, es hielt! Beides! Das Knie und das Wetter und wir kletterten ein paar Seillängen am Løefjell. Isa und ich machten "Picknik with Einar", 35 Meter, eine wunderschöne halb-cleane Länge. Fast oben angekommen ruft Peter mir von der Seite zu, ich solle noch "Bypass", ein cleaner 4er, 20m, ranhängen, der sei so schön.

Ich zögerne kurz ob des unbekannten Geländes, aber die Linie war klar und ich hatte noch Material am Gurt. Also Isa unten bedeutet, dass es noch weiter geht und ab dafür. Leider entpuppte sich der breite Riss als zu breit für meine verbliebenen Friends und auch die schmalen Stellen wollte sich meinen Keilen nicht so recht anpassen. So wurde treu dem Motto, "Was eh nicht hält braucht man auch nich legen!" weitergeklettert. Der zwischenzeitliche Blick nach unten veranlasste meinen zweifelnden Kopf kurz meine verbleibende Moral zu überprüfen: Alles im gerade-noch-so-grünen Bereich. Weiter ging's. Stand in Sicht. Noch 5 Meter. Staaaand! Puh.... Immerwieder spannnend, das mit dem Klettern. Später, im Nachstieg, bemerkte Isa mit gerunzeltzer Stirn nur, "Da hasch ja a Weile gar nix g'legt, ts ts ts!"... So kann man es auch sehen. ;)

Brunnert Duo
Løefjell - Brunnertscher Stand

Glück
Løefjell - Stand IsFi

Ansonsten war das Wetter schön, die Sonne schien, sodass ich mir später im Auto ein leises: "Boah ist das heiß!" nicht verkneifen konnte. So kann es weitergehen. Für Sonntag ist wieder Sonne pur angesagt und wir planen etwas langes zu klettern.


Tag 15 - 26. Juli 2009 (Kletter-Tag #6)

Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr. Um kurz nach 8.00 Uhr sind wir am Einstieg zu "Smee". 10 leichte Seillängen durch feinsten Setesdalgranit liegen über uns. Wir starten. Die ersten drei Längen sind noch etwas hakelig, dann läuft es. Das Wetter ist perfekt. Sonne und leichter Wind, gerade so, dass es im T-Shirt so nicht zu halt wird und in der Sonne am Stand so richtig entspannt werden darf.

Plattenwelten
Setesdal - Smee 6.SL

Wir sind die einzigen in der Route und lassen uns ab der 5ten Länge Zeit. Wir genießen. Die 6te Länge ein Traum. Über feine Strukturen geht es unter ein Dach, welches in der logischen Linie und schwächster Stelle überwunden wird. Ein Genuß!

Oben noch eine etwas unklare Länge, da ein verzeichneter Haken nicht gefunden wird, aber was gestern am Løefjell geübt wurde, klappt auch hier: Einfach weiter klettern und schon bin ich am nächsten Stand. Wir klettern oben noch eine 11te Länge in die Botanik und gehen menschlichen Bedürfnissen nach.

Smeeblick
Setesdal - Der Blick ins Tal aus Smee

Beim Abseilen wählen wir den 8ten Stand zum Picknick machen. Wenn das Seil doch nur fallen würde, aber das soll heute die einzige Sorge bleiben. Nach knapp 7 Stunden sind wir wieder an der Hütte. Kurz überlege ich, ob wir noch bouldern fahren wollen, aber nach einem Bier und vielen Nudeln schlafen wir einfach auf dem Sofa ein. Wie schön!


Tag 15 - 27. Juli 2009 (Nicht-Kletter-Tag #10)

Ich hab keine Ahnung mehr, was wir genau gemacht haben, aber eines steht fest: Es hat geregnet und es gab nachmittags Kaffee bei Beata und Peter mit Waffeln von Ruth und Merlin. Abends ging es dann zum letzten Klettercafé des Sommers nach Brokkestølen zu Hessel. Dort wurde gegrillt, getrunken, gelesen und musiziert.

Aufgepasst
Setesdal - Klettercafé Brokkestølen - Peter liest

Besonders lustig empfand ich, dass fast alle Protagonisten aus den von Peter gelesenen Geschichten vorort waren. Das macht das ganze irgendwie noch etwas greifbarer und verleiht eine Priese besonderen Humor. Spät ging's durch die Nacht nach Hause zur Hytte. Wieder ohne Elch... alle scheu oder tot?


Tag 16 - 28. Juli 2009 (KletterBoulder-Tag #7)

Wieder so ein Gemischtwettertag. Ich denke nur ans Bouldern. Scheisse, dass kann's doch nicht sein. Das muß doch nochmal gehen. Wir fahren hin, ins Hommeblokk-Land. Nach einigem hin und her finde ich einen Block, der an der Seite eine schöne, feine Struktur aufweist. Unten ein paar Leisten, in der Mitte ein Slooooper und oben wieder eine Leiste. Der müßte doch gehen. Wir beginnen zu putzen und es beginnt zu regnen. Ein klassischer DWMC, oder?

Wir kaufen ein und Isa erwirbt etwas vom geklauten Silber der Setesdaler. Vielleicht versöhnt es den Setesdaler Petrus. Kurze Zeit später ist es wieder trocken und die Sonne kommt tatsächlich raus. Ich kaufe noch schnell Wischtücher zum Abtrocken. Wieder Hommeblokk. Weiter putzen. Kurz darauf die ersten Versuche. Die Strukturen sind unten so schön, dass ich einen Sitzstart definiere. Nach wenigen Versuchen ist der Anfang klar. Aber wie vom Sloper an die Leisten oben? Ich bin zu schwach. Blöde Plattenschleicherei. Achnee, blöder Regen!

Hommeblokk
Setesdal - Bouldern in Hommeblokk - Himbeerblock

Man ist das heiß hier. Die Sonne brennt. Nie kann es einem Recht gemacht werden. Irgendwann finde ich den entscheidenen Tritt und einige Versuche später bekomm ich sogar den Fuß einen Tritt weiter. Abgerutscht. Im nächsten Versuch klappt es dann. Ob nach der Leiste oben noch was kommt? Ja, sieht gut aus. Geschafft. Top! Dann will Isa das alles nochmal filmen. Ich brauch weitere drei schmerzhafte Anläufe und einige Hautschichten, bis ich nochmal hochkomme. Ist ein schöner Boulder am Himbeerblock geworden, wie ich finde. Ich male noch einen Pfeil und schäme mich. Ist der häßlich geworden!! :( Man gelobt Besserung.


Setesdal - Bouldern in Hommeblokk - Himbeerblock

Wir ziehen weiter nach oben und entdecken einen Block mit einer schönen Delle drin. "Peterproblem" taufe ich den neuen Boulder, da es sich um ein schönes Mantelproblem handelt. Weiter unten am Blaubeerblock entdecke ich noch eine nette Seitleiste und putze sie und den Block. Sieht hart aus, da er unten kantig überhängt und so unten keine Tritte sind. Trotzdem komme ich im zweiten Versuch hoch - ohne die so schön geputzte Leiste. Naja, kleine Menschen werden sie brauchen - denke ich. Wer macht dort den Sitzstart?
Ohne Haut, aber zufrieden verlassen wir Hommeblokk.

Peter nimmt "Contact" auf
Setesdal - Peter nimmt "Contact" auf

Abends gab's großes Weninger-Abschiedsessen bei Beata und Peter mit vielen Nudeln und Peterspezialsauce. Lecker! Als Nachtisch wurde Vanilleeis mit Blaubeersauce gereicht. Diese Sauce. Unglaublich! (Rezept und Zutaten wurden exportiert.) Zum Abschluß wurde noch ein Ballon gestartet, der so hoch flog, dass er vermutlich für die neusten Ufo-Geschichten bei den Bauern im Setesdal sorgte.


Tag 17 - 29. Juli 2009 (Nicht-Kletter-Tag #11)

Packtag ist Regentag oder so ähnlich. Außer packen erinnere ich mich an nichts. Achja doch, es hat geregnet. Soll ja mal vorkommen... Abends konnten wir uns erneut nicht der brunnertschen Essenseinladung entziehen. Immerhin durften wir unter Protest einen Salat mitbringen, Nachtisch und Wein stiften. Es gab Bratwurst mit Kartoffelsalat und Mousse au Chocolat. Dazu viel Wein. Auf jeden Fall genug, dass ich noch am nächsten Tag etwas davon hatte und morgens kurz meine Fahrtüchtigkeit in Frage stellte.

Es war ein wirklich sehr schöner, philosophischer Abend, den wir da mit Beata, Ruth, Merlin und Peter verbracht haben. Wir freuen uns auf die Fortsetzung 2010, denn das eine oder andere Thema ist ja noch offen geblieben.


Tag 18 - 30. Juli 2009 (Nicht-Kletter-Tag #12)

Abreise. Valle. Evje. Kristiansand. Sørlandcenter. Hilfe! Fähre. Hans. Jeannette. Janis. Skat. Hohe Wellen. Hirtshals. Strommasten in Dänemark. Autobahn.


Tag 19 - 31. Juli 2009 (Nicht-Kletter-Tag #13)

1:00 Uhr. Hamburg. Schlafen.

Ein unglaublich schöner Norwegenurlaub ist zuende und wir haben beide keinen Moment gezweifelt: Wir wären noch länger geblieben, auch wenn es noch mehr geregnet hätte!
Dann bis zum nächsten Jahr, lieber Sommer.

Einheimischer Navi
Edgar der Elch (Kann nix fürs Wetter!)


Seil aus!

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    Granitklettern in Südnorwegen.
    3. Auflage 2006, 176-seitiges Buch, 148 x 185, 22,80 €

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